Balanceakt über einem Fluss

Die Diagnose nahm mir den Wind aus den Segeln

Hier berichtet Michael B., der im Jahr 2004 an Mastdarmkrebs erkrankt ist, welche Höhen und Tiefen er mit der Erkrankung durchlebt hat. Neben einem Blick in die Vergangenheit steht dabei auch die Frage im Mittelpunkt, wie er wie er nach seiner Therapie in den Alltag zurückgefunden hat.

Ich habe die Diagnose Darmkrebs im August 2004 erhalten. Es war an einem Dienstag, morgens früh. Die Unsicherheit hatte mich zum Arzt getrieben. Denn seit längerer Zeit hatte ich jeden Tag sehr häufig Stuhlgang. Ich berichtete meinem Hausarzt davon und schlug vor, eine Blut- und Stuhlprobe zu machen. Noch am selben Tag führte er eine Ultraschall- Untersuchung durch, konnte aber nichts Verdächtiges finden. Obwohl alles in Ordnung schien, wollte er zur Sicherheit eine Darmspiegelung machen. Bei der Darmspiegelung wurde klar: Es ist ein Tumor und dazu kein kleiner. Diese Nachricht nahm mir den Wind aus den Segeln.

Portrait Michael B.

Therapie

Ich wollte die Therapie schnell beginnen

Eigentlich fühlte ich mich mit meinen 43 Jahren jung und fit – Ich lief ca. 40 km in der Woche. Außerdem war bisher in meiner Familie niemand an Darmkrebs erkrankt. Ziemlich schnell wurde mir klar, ich kann nichts an der Situation ändern: Also die Sache anpacken. Ich habe meinen Hausarzt gebeten, die nächsten Schritte möglichst schnell zu organisieren. Noch am selben Tag wurde eine CT von Abdomen und Lunge gemacht. Abends sprach ich schon mit dem Chirurgen, den mir mein Hausarzt empfohlen hatte. Wenige Tage später, am Freitag, wurde ich bereits operiert.

Welche Therapie?

Staging und Therapieentscheidung waren in meinen Fall eher einfach. Mir wurde vom Arzt nur eine Vorgehensweise vorgeschlagen – nämlich die Operation. Dies machte auch für mich von Anfang an Sinn, weil so der Tumor möglichst schnell entfernt wird.

Erst nach der Operation bzw. durch die Ergebnisse der pathologischen Untersuchung wurde festgestellt, dass Chemotherapie und Bestrahlung nötig waren. Ob in meinem Fall auch eine andere Therapie machbar gewesen wäre, weiß ich bis heute nicht. Es ist mir auch nicht so wichtig, da ich rückwirkend nichts mehr ändern kann. Für mich stand immer im Mittelpunkt, dass ich das „Böse“ weghaben wollte. Eine Operation schien auch mir dafür die beste Methode. Ich weiß heute, dass die Bestrahlung und die Chemotherapie eher präventiv durchgeführt worden sind.

Keine Zeit zum Nachdenken

Meine Operation wurde sehr schnell organisiert und auch durchgeführt. So hatte ich auch keine Zeit, über andere Möglichkeiten nachzudenken. Dies war für mich sehr beruhigend: Nach der Diagnose war es für mich wichtig, dass die Behandlung möglichst schnell begann.

Vor meiner eigenen Erkrankung habe ich mich mit dem Thema Krebs nie beschäftigt. Deshalb waren meine Kenntnisse über die unterschiedlichen Therapiemöglichkeiten sehr begrenzt. So war es für mich von großer Bedeutung, von Ärzten betreut zu sein, denen ich vertraute. Ich konnte meinen Ärzten eine Reihe von Fragen stellen. Doch letztendlich habe ich das gemacht, was sie mir vorgeschlagen haben – und ich habe diese Schritte nie bereut.

Therapiebeginn

So, was waren die ersten Therapieschritte? Es begann im Krankenhaus: Mein Chirurg sagte mir, dass ich eine Chemo und eine Bestrahlung machen muss. Das haben auch die Ergebnisse des Pathologen bestätigt. Ich konnte das Krankenhaus nach zehn Tagen verlassen. Kurz danach nahm ich meinen ersten Termin bei einer Onkologin wahr. Sie hat mir beschrieben, was für eine Therapie vorgesehen ist. Diese hat sie nicht allein zusammengestellt, sondern in Zusammenarbeit mit der Uniklinik. Dies ist verständlich, da es hunderte von Krebsarten und noch mehr Therapiemöglichkeiten gibt. Dazu kommt die rasante Entwicklung der Therapiemöglichkeiten, sodass Onkologen zusammenarbeiten müssen: Niemand kann allein alles wissen.

Die erste Chemotherapie verlief ohne Probleme

Ich habe drei Wochen nach der Operation mit der Chemo begonnen. Diese bekam ich fünf Tage nacheinander. Ich habe sie durch die Armvene bekommen, würde aber einen Port empfehlen, denn nach sechs Monaten Behandlung war meine Vene schon sehr strapaziert. Die Chemo verlief anfangs unproblematisch. Ich war zwar ein bisschen müde, konnte aber immer noch arbeiten gehen (ich sitze im Büro). Die Chemo empfand ich als eher mild, ich hatte auch keinen Haarverlust. Das hätte mir aber auch nichts ausgemacht: Die Krankheit „wegzuhauen“ hatte für mich oberste Priorität.

Die ersten paar Wochen waren zwar durch OP und erste Chemo kein Spaß, aber auszuhalten. Genauso empfand ich auch die erste Woche der Bestrahlung. Bei der Bestrahlung merkt man nichts. Man liegt für ca. eineinhalb Minuten auf einem Tisch, und das war es bis zum nächsten Tag. 30 Tage nacheinander, außer an den Wochenenden erhielt ich die Bestrahlung. Die erste Woche der Bestrahlung war okay, aber ab der zweiten Woche begannen die ersten Nebenwirkungen.

Weitere Therapien

Die Operation

Vor der OP sollte man sich über die Vorgehensweise bei der OP erkundigen: Bei „der minimal-invasiven Operation“ arbeitet der Chirurg mit einem sehr kleinen Schnitt im Bauch, durch den Kameras und OP-Werkzeug hineinpassen. Dieses Vorgehen ist weniger belastend und deshalb besser für das Immunsystem als eine „klassische Bauch-OP“. Man sollte hierfür aber einen erfahrenen Arzt aufsuchen. Während des Vorgesprächs mit dem Chirurgen schaut er sich vorhandene Röntgen-, CT-, MRT- und PET-Bilder an. Außerdem informiert er sich über die Ergebnisse von Darmspiegelung, Blutuntersuchungen und EKG. Dann erklärt er, wie die OP durchgeführt wird. Gemeinsam wird besprochen, wann die OP stattfinden soll.

Der Tag vor der Operation

Am Tag vor der OP kommt man ins Krankenhaus. Nach weiteren Tests wie etwa Blutuntersuchungen und EKG muss man abends ein Abführmittel trinken. Danach kann man gut schlafen. Am OP-Tag ist alles ruhig. Kurz vor der Operation bekommt man eine Pille zur Beruhigung, dann geht es in den OP-Saal. Nach ein paar Stichen für einige „Schläuche“ bekommt man die Narkose. Das Nächste, was man merkt, ist, dass man sich im Aufwachsaalbefindet. Normalerweise verbringt man zur Beobachtung etwa 24 Stunden auf der Intensivstation. Danach geht es wieder auf das Stationszimmer, wo viel Schlaf und Ruhe angesagt sind. Schritt für Schritt über die nächsten Tage wird man wieder in Gang gebracht. Nach einigen Tagen kann man etwas trinken und wenig später ein bisschen leichte Kost zu sich nehmen. Ich hatte meinen ersten Stuhlgang nach sechs Tagen und konnte nach acht bis zehn Tagen wieder nach Hause. Vierzehn Tage später habe ich dann mit meiner Chemo angefangen.

Nach der Operation bleibt man für acht bis zehn Tage im Krankenhaus. Danach kann man gut, aber nur langsam gehen. Schmerzen hat man eigentlich nicht, denn in der Regel erhält man eine Schmerztherapie, die sehr hilft. Allerdings fühlt man sich häufig sehr müde.

Ergänzenden Maßnahmen

Weitere Behandlungsmöglichkeiten und Aktivitäten

Schon kurz nach Beginn von Chemo und Bestrahlung haben mich die Nebenwirkungen voll erwischt: extreme Müdigkeit, Schmerzen im Rektumbereich und täglicher Durchfall. Dadurch war ich auch geistig benommen. In dieser Phase hat es mir am meisten geholfen, viel zu schlafen. Wenn ich nicht geschlafen habe, habe ich von zu Hause aus gearbeitet. Ich hatte ein recht gutes Team, das immer sichergestellt hat, dass ich keine Fehlentscheidungen getroffen habe. Meine Arbeit war eine super Ablenkung von den Schmerzen und dem Durchfall.
Zusätzlich bin ich fast jeden Tag 15 bis 45 Minuten spazieren gegangen. Dies fiel mir zwar nicht immer leicht, aber die Bewegung hat meinem Körper geholfen, das „Gift“ von Chemo und Bestrahlung abzubauen.

Tipps gegen die Nebenwirkungen

Weil ich die Auswirkungen der Behandlung manchmal kaum ertrug, war es sehr wichtig, dass meine Onkologin sich viel Zeit genommen hat, mir zuzuhören. Sie hat mir geholfen, die Nebenwirkungen zu minimieren. Ihre Tipps waren zum Beispiel:

  • Salbeitee hilft der Schleimhaut, sich zu regenerieren.
  • Medikamente einzunehmen, die die Darmmotilität und die Darmflora  für mein Beschwerdebild günstig beeinflussen.
  • ein probiotisches Getränk vermischt mit Kurkuma und Traubenextrakt-Tabletten helfen, die Darmflora wiederaufzubauen (Ich nutze dies heute noch).

Milchprodukte habe ich einige Jahre nicht zu mir genommen, kann sie aber heute wieder genießen. Auch auf Vollkornprodukte, Kaffee und Alkohol habe ich zwischendurch völlig verzichtet. Zehn Monate nach meiner OP hatte ich einen Darmverschluss und eine Notfall-OP war erforderlich. Danach habe ich fast kein Imodium mehr genommen, um das Risiko eines erneuten Verschlusses zu minimieren.

Viel Zeit und Geduld

Nebenwirkungen verschwinden nicht über Nacht, deshalb braucht es viel Zeit und Geduld. Aber am wichtigsten ist es, sich die positive Sicht auf die Dinge zu bewahren. Fünf Jahre nach meiner ersten Krebs-OP litt ich zeitweise immer noch an Durchfall. Ich muss stets ein bisschen darauf achten, was ich esse und trinke. Aber ich mache wieder Sport und sehe zu, dass ich immer gut schlafe und esse. Ich empfehle das Buch „Krebszellen mögen keine Himbeeren“. Um nicht ständig an die Nebenwirkungen zu denken, habe ich gearbeitet, außer in den ersten fünf Wochen nach der OP und während der Chemo- und Strahlentherapie.
Mir war es auch wichtig, dass meine Familie und Freunde viel Geduld und Verständnis zeigen und Unterstützung leisten. Man muss schlafen können, wenn man müde ist, aber auf ein positives und hoffnungsvolles Umfeld treffen, wenn man wach wird. Hilfe beim Kochen, Einkaufen, im Haushalt und beim rechtzeitigen Zahlen von Rechnungen ist extrem wichtig.

Wald

Rehabilitation

Nach sechs Monaten Therapie war meine Behandlung abgeschlossen. Es war Anfang Februar, als ich die letzte Chemotherapie bekam. Es war mir egal, dass es noch Winter war: Ich war froh zu wissen, dass es jetzt darum ging, gesund zu werden. Die ganze Zeit war mein größtes Problem der Durchfall. Die Müdigkeit konnte ich gut aushalten, aber Durchfall – der ist nicht so einfach zu beseitigen!

Ich habe keine Reha gemacht, weil mich über diese Möglichkeit niemand informiert hat. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass ich weiter zur Arbeit gehen und hoffen soll, dass die schwierige Zeit vorübergeht und der Durchfall weniger wird. Ich habe eine Reihe von unterschiedlichen Maßnahmen in Sachen Essen ausprobiert, um den Durchfall zu vermeiden. Zum Beispiel Karottensuppe, einfaches Kartoffelpüree, Reis, Weißbrot, kein Fleisch, kein Alkohol und keine Milchprodukte. Aber egal was ich aß, der Durchfall blieb. Es schien, dass nur die Zeit und der Verzicht auf „schwerverdauliches“ Essen (Kohl, Vollkorn, Alkohol usw.) helfen. Zwischendurch habe ich abends auch ein probiotisches Pulver mit Wasser getrunken, um die Darmflora wieder aufzubauen. Heute, trinke ich immer noch etwas Probiotisches. Mit der Zeit habe ich herausgefunden, dass mir Bewegung, Nordic Walking und leichtes Laufen gut tut.

Ich kann sagen, dass Ernährung ein sehr wichtiges Thema für mich war – wahrscheinlich zu wichtig – weil ich mich und auch meine Familie verrückt gemacht habe. Ich glaube im Nachhinein, man muss ein bisschen von allem essen und sich nicht verrückt machen. Das „Verrücktmachen“ führt nur zu Stress, der dann bei mir Durchfall ausgelöst hat. Besser ist es, nicht zu viel nachzudenken und Ruhe zu bewahren.

Nachsorge

Nach all den Behandlungen und Therapien war ich, außer bei den regelmäßigen Nachkontrollen, bei keiner Nachsorge. Aber die Nachkontrollen waren mir wichtig. Deshalb war ich bei der Einhaltung der Termine sehr diszipliniert.

Alle drei Monate habe ich mein Blut kontrollieren und eine Kernspintomographie des Abdomens machen lassen. Zusätzlich habe ich alle sechs Monate eine MRT der Lunge und eine Spiegelung des Mastdarms bzw. eine Darmspiegelung durchführen lassen. Nach zwei Jahren haben wir die Kernspinuntersuchung nur noch alle sechs Monate und später einmal im Jahr gemacht. Zwei Wochen vor diesen Terminen habe ich immer Angst gehabt. Mit der Zeit wurde die Angst aber weniger.

Doch vier Jahre nach der ersten Diagnose wurde völlig unerwartet eine kleine Metastase am Rand meiner Leber gefunden. Zuvor war ich eigentlich völlig gesund, daher kam es sehr überraschend. Ich hatte wieder voll gearbeitet, Sport getrieben und war allgemein in guter Verfassung. Das Gute war, dass wir sie sehr früh bemerkt haben: nur eine einzelne, kleine Metastase. Das bedeutete aber wieder eine Operation (diesmal aber minimal invasiv) und wieder eine Chemotherapie. Seitdem gehe ich wieder alle drei Monate zur Nachkontrolle.

Ich lerne zur Ruhe zu kommen

Diesmal aber begann ich zusätzlich mit einer ganz eigenen Form der Nachsorge: Ich gehe ca. alle drei Wochen zu einer sehr guten psychoonkologischen Beratung. Mein Problem ist nicht direkt der Krebs, sondern dass ich nie gelernt habe, zur Ruhe zu kommen. Diese Unruhe verstärkt die Angst und die Angst verstärkt die Unruhe. Schwer zu sagen, was zuerst da war – das Huhn oder das Ei? Inzwischen lerne ich, zur Ruhe zu kommen. Dafür habe ich auch Entspannungs-Yoga angefangen. Ich jogge auch wieder zweimal die Woche, aber langsamer als früher: Ich muss nicht immer schneller oder weiter laufen als andere. Ich lerne durchzuatmen und versuche, meine Tage mit weniger Hektik zu planen.

Jeden Tag ein Lächeln

Mein Alltag ist nicht viel anders als bei anderen Menschen. Ich stehe morgens früh auf, achte darauf, dass die Kinder rechtzeitig in die Schule kommen. Dann gehe ich zur Arbeit, hole die Kinder auf dem Heimweg ab, koche Abendessen und gehe früh ins Bett. Laufen und Yoga mache ich an zwei Abenden in der Woche und am Wochenende. Mit anderen Worten: Ich versuche meinen Alltag so zu gestalten, als ob ich niemals krank gewesen wäre – denn krank bin ich nicht. Wichtig ist, dass ich ruhig bleibe, viel Schlaf bekomme und jeden Tag lächeln kann!

Wie geht es mir heute?

Im Jahr 2004 erhielt ich die Diagnose Darmkrebs. Die ersten Jahre der Krankheit waren sehr hart für mich. Ich litt zusätzlich an einem Darmverschluss, ständigem Durchfall, Lebermetastasen und Nierensteinen.

Durch die Reha wurde mir bewusst gemacht, dass die Krankheit Sport nicht ausschließt, sondern sogar im Gegenteil fordert. Ich war schon immer sportlich aktiv. Ich betreibe heute noch Sport und verbinde es mit meinem Alltag, indem ich beispielsweise zwei- bis dreimal in der Woche mit dem Rad zur Arbeit fahre. Dadurch konnte ich meine durch die Erkrankung verlorenen Kilos wieder zunehmen. Zudem gehe ich, auf Empfehlung meines Internisten, seit fünf bis sechs Jahren regelmäßig zum Osteopathen und Physiotherapeuten, um meine Darmtätigkeit über das vegetative Nervensystem positiv zu beeinflussen. Was den Einfluss der Ernährung auf die Darmtätigkeit betrifft, kann ich keinerlei Schlüsse ziehen, obwohl ich vieles ausprobiert habe.

Seit 2010 gehe ich einmal die Woche zum Yoga, um die Spannungen der Woche abzubauen. Im Alltag nutze ich die dort gelernten Atemtechniken, um mich immer wieder runterzubringen. Das Zusammenspiel von Physio, Osteopathie, Sport, Yoga, Zeit und eine unverkrampftere Sicht auf die Dinge haben meine Verdauung verbessert. Dadurch war ich entspannter, was sich wiederum positiv auf meine Verdauung ausgeübt hat. Das zeigt, wie eng die psychische Verfassung mit der Darmtätigkeit und dem Körper insgesamt verknüpft ist. Außerdem ist Zeit ein wichtiger Faktor im Umgang mit der Krankheit: Man muss viel Geduld mitbringen und sich selbst Zeit geben.

Vor der Erkrankung war ich immer sehr aktiv und bin es auch heute noch, doch durch den Krebs bin ich in gewisser Weise entspannter geworden. Zusammenfassend habe ich gelernt, dass man sich nicht immer um alles einen Kopf machen sollte, auch wenn die Erfahrung Krebs einem immer im Hinterkopf bleibt.