01.06.2018

Interview Diplom-Oecotrophologin Ulrike Seubert

Ob gemeinsam mit der Familie und Freunden, ob zu zweit bei Kerzenschein oder vielleicht auch allein im Café – ein knackiger Salat, ein Drei-Gänge-Menü oder ein Stück Sahnetorte: Essen bedeutet ein Stück Lebensqualität. Die Ernährungsberaterin Ulrike Seubert erklärt, warum sich gesunde Ernährung und Genuss nicht ausschließen, worauf Sie als Darmkrebspatient besonders achten sollten und wie ein Speiseplan für Lebensqualität aussehen kann.

Gesunde Ernährung und Genuss – Für viele Menschen ist das ein Widerspruch. Warum muss das nicht sein?
Dieser Widerspruch entsteht meist aus einem zu radikalen Ansatz. Die Empfehlung, mehr ballaststoffreiche Lebensmittel zu essen, setzen viele Menschen mit „Ich darf keine weißen Brötchen mehr essen!“ gleich. Gesunde Ernährung bedeutet aber eine vielfältige, ausgewogene Kost. Und die darf auch nach persönlichen Vorlieben variieren.

Ganz generell: Was hat Ernährung mit Lebensqualität zu tun?
Der alte Spruch „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen!“ bringt es eigentlich gut auf den Punkt. Unsere Ernährung dient einerseits der Versorgung des Körpers mit lebenswichtigen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen sowie der nötigen Energie. Andererseits ist es wichtig, dass unser Essen und Trinken mit Genuss verbunden ist.

Inwiefern gilt dies besonders für Darmkrebspatienten während bzw. auch nach der Therapie?
In einer Krankheitssituation ist der Körper generell anfälliger. Hinzu kommt, dass durch krankheitsbedingte Beschwerden, aber auch durch die Nebenwirkungen der Therapie schnell Kalorien- und Nährstoffdefizite entstehen können. Das wirkt sich dann auch negativ auf das Allgemeinbefinden aus. Deshalb ist es besonders wichtig, den Körper ausreichend zu versorgen und so seine Kraft zu erhalten.

Was müssen Patienten mit einem künstlichen Darmausgang beachten?
Patienten mit einem künstlichen Darmausgang sollten faserreiche Lebensmittel meiden, da diese das Stoma verstopfen können. Dazu gehören unter anderem Spargel, Ananas oder Sauerkraut. Weitere Empfehlungen hängen von der Position des Stomas ab, also ob es sich im Bereich des Dünndarms oder im Dickdarm befindet. Generell sollte man langsam essen und gründlich kauen. Bei dünnflüssigem Stuhl ist es auch wichtig, den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Weitere generelle „Verbote“ halte ich für nicht angebracht. Vielmehr sollte immer die individuelle Situation berücksichtigt werden, etwa bestehende Unverträglichkeiten oder die Stuhlkonsistenz. Und ganz wichtig: Patienten sollten nicht abnehmen!

Wie sollte denn ein optimaler „Lebensqualitätspeiseplan“ aussehen?
Grundsätzlich gilt: so abwechslungsreich und vielfältig wie möglich. Frisches Obst und Gemüse bilden hierbei die Basis für einen ausgewogenen Speiseplan. Selbstverständlich sind auch hochwertige Kohlenhydrate, am liebsten Vollkornprodukte, wichtig. Sie sättigen und geben dem Körper die notwendige Energie für den Tag. Gleiches gilt für hochwertige Proteinquellen aus Fisch und mageren Fleisch. Fettreiche Lebensmittel hingegen sollten nur in geringen Mengen verzehrt werden, hier sind besonders ungesättigte Fette zu empfehlen. Gute Quellen dafür sind Nüsse, pflanzliche Öle wie Olivenöl und Leinöl sowie fettreiche Fische wie Lachs. Wichtig ist, dass der Körper mit allen Nährstoffen versorgt wird, die er braucht. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass eines häufig vergessen wird: viel trinken. Frisches Wasser, egal ob mit oder ohne Kohlensäure sowie ungesüßte Tees sollten in ausreichender Menge zu sich genommen werden – zwei Liter sind ein gutes Maß für den Anfang. Mir liegt immer am Herzen, dass gesunde Ernährung leicht umsetzbar ist und Spaß macht!

Gibt es denn überhaupt „gute“ und „schlechte“ Lebensmittel? Wie sieht es mit einem Glas Wein zum Abendessen oder einem Kühlen Bier zum Feierabend aus?
Grundsätzlich kommt es immer auf das Zusammenspiel aller Speisen und auf die Mengen an, die man zu sich nimmt. Ist der Körper in der aktuellen Lebenssituation ausreichend versorgt, spricht auch nichts gegen einen kleinen individuellen Luxus, sei es ein Glas Wein oder auch etwas Süßes. Das steigert die Lebensqualität und hilft auch, die vielleicht notwendigen Einschränkungen zu akzeptieren.

Viele Patienten überdenken ihre Ernährungsgewohnheiten und möchten diese gerne verändern. Wie kann eine Ernährungsumstellung gelingen?
Sie sollten sich keine unrealistischen Ziele wie „Ich esse nie mehr Schokolade!“ setzen. Damit ist ein Scheitern eigentlich schon vorprogrammiert. Auch kann eine professionelle Ernährungsberatung zum Gelingen beitragen: In einer ausführlichen Anamnese werden persönlicheVorlieben, Abneigungen und Beschwerden ermittelt. Die Aufgabe des Ernährungstherapeuten ist es, hieraus zusammen mit den medizinischen Notwendigkeiten ein maßgeschneidertes Ernährungskonzept zu entwickeln. Wichtig ist es, dieses mit dem Patienten so zu erarbeiten, dass er die Empfehlungen auch umsetzen kann. Im Gegensatz zu pauschalen „Erlaubt-/ Verboten-Listen“ ist damit gewährleistet, dass mit minimal notwendigen Einschränkungen ein maximaler Nutzen entsteht. Das führt dann dauerhaft zu Verbesserungen für den Patienten.

Im Interview

Diplom-Oecotrophologin Ulrike Seubert bietet ernährungstherapeutische Beratungen für onkologische und geriatrische Patienten in Kliniken sowie ambulant in ihrer eigenen Praxis für Ernährungstherapie in Höchberg.

Diplom-Oecotrophologin, Frau Dr. Seubert